Die Prüfung

Der Morgen war still, als er den Hof betrat.

Kein Wind.
Nur das ferne Geräusch von Vögeln und das leise Knarren der alten Holztür, die bereits einen Spalt offenstand.

Madame Molly M. wartete im Haus.

Wie immer.

Sie saß an ihrem Tisch, eine Tasse vor sich, die Hände ruhig darum gelegt.
Als er eintrat, hob sie den Blick nur kurz.

„Du bist wiedergekommen“, sagte sie.

Er nickte.

Mehr brachte er nicht hervor.

Madame Molly M. deutete auf den Platz gegenüber.

Er setzte sich sofort.

Ein Fehler, wie er gleich merken sollte.

Ihr Blick blieb ruhig auf ihm liegen.

„Ich habe dich nicht gebeten, dich zu setzen.“

Die Worte waren leise gesprochen, doch sie trafen präzise.

Er stand wieder auf, spürte die Wärme im Gesicht.

Madame Molly M. ließ einen Moment verstreichen.
Nicht unangenehm nur lang genug, damit er verstand.

„Die meisten glauben, eine Prüfung sei etwas Großes“, sagte sie schließlich.
„Eine Aufgabe. Eine Herausforderung.“

Sie stellte die Tasse ab.

„Aber wahre Aufmerksamkeit zeigt sich in kleinen Dingen.“

Sie stand langsam auf und ging zum Fenster.
Er blieb stehen, wartend.

Der Raum fühlte sich plötzlich anders an.

Ruhiger. Klarer.

„Warum bist du hier?“, fragte sie erneut.

Diesmal antwortete er nicht sofort.

Er dachte nach.

Nicht darüber, was richtig klang sondern darüber, was wahr war.

„Um zu lernen.“

Madame Molly M. nickte kaum sichtbar.

Sie drehte sich wieder zu ihm.

„Dann beginnt deine Prüfung jetzt.“

Stille.

Keine Erklärung. Keine Aufgabe.

Nur Warten.

Die Sekunden vergingen.
Dann Minuten.

Er bewegte sich nicht.
Fragte nicht.
Suchte nicht nach Anerkennung.

Er blieb einfach aufmerksam.

Madame Molly M. beobachtete ihn lange.

Sehr lange.

Schließlich setzte sie sich wieder.

„Gut“, sagte sie ruhig.

Ein einziges Wort.

Doch es fühlte sich an wie eine Tür, die sich öffnete.

„Die erste Regel hast du verstanden.“

Sie nahm wieder ihre Tasse in die Hand.

„Wer geführt werden möchte, muss zuerst lernen zu warten.“

Der Morgen blieb still.

Aber diesmal fühlte sich die Stille nicht leer an.

Sie gehörte ihm jetzt ein wenig.

Madame Molly M. sagte danach nichts mehr.

Sie trank ihren Kaffee, als wäre alles entschieden.
Als hätte es nie Zweifel gegeben.

Er blieb stehen.

Nicht, weil er musste.
Sondern weil es sich richtig anfühlte.

Draußen begann der Tag langsam heller zu werden.

Zum ersten Mal verspürte er nicht den Wunsch zu sprechen, zu erklären oder zu beeindrucken.

Er wartete einfach.

Und Madame Molly M. lächelte kaum sichtbar.

Die Prüfung war nie das Warten gewesen.

Sondern zu verstehen, dass Führung nicht verlangt wird sie wird angenommen.

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