Der erste Abend

Die Sonne war bereits hinter den Feldern verschwunden, als er ankam.

Das Haus lag ruhig im warmen Abendlicht.
Ein Fenster war erleuchtet. Mehr brauchte es nicht, um zu wissen, dass sie da war.

Er klopfte.

Einmal.

Die Tür öffnete sich langsam.

Madame Molly M. stand vor ihm, in ein dunkles Kleid gehüllt, schlicht und selbstverständlich.
Kein Lächeln. Keine Überraschung.

„Du hast den Abend gewählt“, sagte sie ruhig.

Er nickte.

„Abends hört man besser zu.“

Sie trat zur Seite.

Das war die Einladung.

Drinnen war es warm. Eine Lampe brannte gedämpft, irgendwo tickte eine Uhr.
Der Raum wirkte vertraut, obwohl er ihn kaum kannte.

Madame Molly M. ging voraus und setzte sich in ihren Sessel.

Er blieb stehen.

Diesmal wartete er.

Ein kurzer Blick von ihr bestätigte, dass sie es bemerkte.

„Gut“, sagte sie leise.

Er setzte sich erst, als sie leicht nickte.

Der Abend senkte sich langsam über das Haus.
Kein Gespräch begann sofort.

Stille war hier kein Zwischenraum sie war Teil der Begegnung.

„Viele haben Angst vor dem ersten Abend“, sagte Madame Molly M. schließlich.
„Sie glauben, etwas müsse passieren.“

Ihr Blick ruhte ruhig auf ihm.

„Aber der erste Abend dient nur einem Zweck.“

Er wartete.

„Zu verstehen, ob man bleiben kann.“

Die Worte waren sanft gesprochen, doch sie hatten Gewicht.

Draußen zirpten Grillen.
Im Raum entstand eine Ruhe, die nichts verlangte.

Er merkte, wie die Anspannung verschwand.

Keine Erwartungen.
Keine Rolle, die gespielt werden musste.

Nur Präsenz.

Madame Molly M. nahm einen Schluck aus ihrer Tasse.

„Wer hier bleibt“, sagte sie, „lernt zuerst anzukommen.“

Sie sah ihn lange an.

Nicht prüfend.
Nicht streng.

Nur sicher.

Der Abend wurde dunkler, die Stimmen draußen leiser.

Und während die Nacht langsam das Haus umschloss, verstand er, dass der erste Abend nicht der Anfang einer Geschichte war sondern die Entscheidung, Teil davon zu werden.

 

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